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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Réunion



Natas_du_Vall
26-01-10, 13:56
Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als der Hafen von Annoport in Sichtweite kam. Sofort meldete der Ausguckt pflichtgemäß: "Land voraus!" Sanft gleitete das Schiff über die ruhige See in Richtung Hafen. Langsam, aber stetig bewegte sich das majestätische Schiff auf den Pier zu. Die Besatzung hatte vorsichtshalbe die Geschützluken verdecket, um eine friedliche Absicht zu signalisieren. Als das Schiff endlich sicher angelegt hatte und die Taue fest verknotet waren, stürmte ein kleiner, dicker Mann heftig mit den Armen fuchtend auf den Steg und brüllte mit aller Innbrunst, so als wolle er das Schiff mit seinem Geschrei wegblasen: "Ja seid ihr denn wahnsinnig mit dem Schiff hier anlegen zu wollen? Das ist keine Anlegestelle für Kriegsschiffe! Legt sofort wieder ab! Das ist eine Kriegserklärung!" Sofort wurde im Schiff eine weiße Flagge gehisst und der Kapitän ließ die Gangway ausfahren. "Isch grüße eusch, Monsieur, mein Name ist Lieutenant de Vaisseau Monsieur de la Vache und isch erbitte eure Genehmigung 'ier anlegen zu dürfen", sprach der Kapitän des Schiffes. Der Hafenmeister, dem das Blut inzwischen zu Kopf gestiegen war und jederzeit drohte zu platzen, entgegnete ihm schroff: "Was? Das ist ja eine Frechheit! Ihr habt ja schon angelegt! Kennt ihr denn das Protokoll nicht? Man fragt ZUERST um Genehmigung und legt DANN an. Ihr könnt von Glück sprechen, dass die Hafentürme nicht auf euch geschossen haben. WAS TREIBT DIE VERSOFFENE BANDE IN DEN TÜRMEN ÜBERHAUPT. DAS IST JA UNERHÖHRT!" Der kleine Mann hatte jeglichen Ansatz von Beherrschung längst vergessen und schrie wild um sich. "Gut, dann ist das ja geklärt", entgegnete ihm der Kapitän grisend und schritt an ihm vorbei. "Richard, Victor und Auguste kommen mit mir, der Rest bleibt an Bord und sieht zu dass wir keinen Krieg anzetteln", sprach er zur Besatzung, die sich inzwischen an der Reeling versammelt hatte, um dem Wutausbruch des Hafenmeisters belustig mitanzusehen. Dieser lehnte inzwischen am Rande eines Nervenzusammenbruchs an einem Tau und war brabbelnd in einem Selbstgespräh vertieft. Längst hatten sich Schaulustige gefunden, die sich das Ganze mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung ansahen. "'Allo, liebe Annoporter, bitte 'abt keine Angst. Wir kommen in friedlischer Absischt. Wir suchen lediglisch einen Mann namens du Vall. Kennt jemand Monsieur Natas du Vall?"

Keine zwanzig Minuten später trafen Natas und Johann an der Anlegestelle ein. Bereits schon von weitem konnten beide die majestätischen Masten des Schiffes sehen. Das Schiff zählte 3 Masten und hatte 2 Batteriedecks auf denen insgesamt 44 Kanonen angebracht waren. Es war ein prachtvolles Schiff! Es dauerte eine Weile, ehe sich die beiden durch die Menschenmenge durchzwängen konnten und als sie es endlich geschafft hatten, bot sich ihnen ein bizarrer Anblick: Ihnen gegeüber standen 3 Menschen in Offiziersuniform der französischen Marine und etwas weiter hinten kauerte eine versörte Gestalt, die kurz davor war in Tränen auszubrechen. "HAHAHAHAHA! La Vache", rief Natas in der selben Sekunde, in der er ihn erblict hatte. "Du Vall", entgegnete er ihm. Sofort stürmten beide Männer aufeinander zu und fielen sich lauthals lachend in die Arme. "Was macht IHR denn hier und was... was...", fragte Natas während er gleichzeitig auf das Schiff deutete. La Vache sagte nichts und grinste nur breit. "Nein! Nein, nein, nein! NEIN", etgegnete Natas, "das kann nicht sein. Das ist doch nicht..." "Doch, das ist sie. Die Réunion, die Fregatte deines lieben Onkels", verkündete la Vache stolz. "Harr! Ihr Halunken! Das ist ja ausgezeichnet! Wie habt ihr das denn gemacht? Das ist unmöglich!" De la Vache lachte und entgegnete ihm: "Lass uns in eine Schenke gehen, wo wir uns privat unterhalten können. Es gibt vieles, das wir zu besprechen haben." So machten sich Natas, de la Vache, seine zwei Offiziere und Johann zusammen auf in die nächste Hafenschenke.

Natas_du_Vall
27-01-10, 05:45
Die Unterredung in der Hafenkneipe zog sich länger hin, als geplant und so wurden aus Minuten, Stunden, aus einem Cognac zehn und aus dem Abend wieder Morgen. Der Wirt war anfangs nicht gerade darüber erfreut gwesen, dass die fünf seltsamen und vor allem unbekannte Gestalten ein Separé wünschten. "Ein Sepa-Was?", fragte der Wirt verduzt. Nachdem Johann dem Wirt dann erklärte, was seine illustren Gäste wünschten, nickte der Wirt brummend: "Wollt wohl alleene sein, wa? Jut von mir aus jerne, aber dat ihr mir keene Schererein macht!", ermahnte er die Gesellschaft. Zum Glück legte sich der Unmut rasch, als er merkte, dass die neuen Gäste kein Bier oder Korn bestellten, sondern eine Flasche Cognac und Sherry nach der anderen. Allein die erste bestellte Flasche bescherte ihm soviel Umsatz wie er ihn sonst in zwei Monaten nicht erwirtschaftete. Von allem, was die Leute bestellten wollten sie stets das Beste, was ja auch das Teuerste war.
Von der Unterhaltung an sich hat der Wirt nicht viel mitbekommen, nur dass sich seine feinen Gäste je mehr Alkohol sie zu sich nahmen, umso mehr wie seine normlen Kuunden benahmen. Der Lautstärkepegel nahm zu, die Stimmung war auf dem Höhepunkt und schließlich wurden aus Trinkliedern Gröhlgesang. Den Wirt störte das kaum; was immer seine Gäste dazu trieb noch mehr Geld auszugeben, sollte war ihm recht.
Als der Morgen bereits dämmerte, erhoben sie sich schließlich, bezahlten den glücklich grinsenden Wirt und schlenderten zur Tür zum neu angelegtem Schiff hinaus. Auf dem Deck angekommen stellte sich die Besatzung in gewohnter Position und bewahrte Haltung während sich de la Vache und du Vall unterhielten. "Du bist dir sicher, dass du icht mitkommen willst, Natas? Es ist jetzt schließlich dein Schiff und die Männer vertrauen dir voll und ganz", begann de la Vache das Gespräch. "Ich danke dir, mein Freund, aber ich denke, dass ich hier ein nettes Städtchen gefunden habe, um mal einen anderen Weg einzuschlagen. Außerdem möchte ich meinem Onkel nicht die Genugtuung verschaffen mich scheitern zu sehen. Er rechnet sicherlich damit, dass ich das Weite suche", entgegenete Natas. "Wie du möchtest. Aber sei dir gewiss, dass ich dich nur ungern hier zurücklasse. Dabei fällt mir ein, ich habe da noch etwas für dich", damit griff er in seine linke Innentasche und holte eine lederne Pergamentrolle, die außen mit Wachs behandelt war. "Hier, bitte. Ist von höchster Stelle". Das Dokument neugierig betrachtend schmunzelte Natas und rollte mit den Augen. "Das ist ein spanischer Kaperbrief, de la Vache", tadelte er. "Oh", murmelte er irritiert, "verzeih', ich muss das wohl verwechselt haben". Wieder griff er in seine Innenweste hinein, diesmal jedoch in die rechte Tasche und holte ein anderes, dem Ersten ähnlich aussehendes Dokument hervor und übergab es seinem Freund. Dieser öffnete das Dokument und lachte laut auf: "Das ist jetzt ein englischer Kaperbrief", und zeigte ihm das geöffnete Dokument. "Das gibt's doch nicht! Wo habe ich das nur hin... Ah, da ist es", sagte er und zog wieder ein ähnliches Dokument hervor, diesesmal jedoch aus der äußeren Westentasche. Lachend nahm Natas das Dokument entgegen und zog seinen Freund dabei auf: "Wenn das jetzt auch noch ein niederländischer Kaperbrief ist, dann lasse ich dich über die Planke gehen!" Doch seine Stimmung änderte sich schlagartig, als er anfing den Inhalt der Rolle zu lesen. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht ob es gute oder schlechte Nachrichten waren. Als er schließlich fertig mit dem Lesen war, blickt er mit ernster Miene zu seinem Freund auf und fragte ihn: "Wusstest du davon?" Dieser nickte nur. "Und die Besatzung?" Wieder nickte de la Vache nur. Fassungslos blickte Natas du Vall die in Reihe und Glied aufgestellte Besatzung, als ein in weiß gekleiderter Matrose sich aus dem Glied entfernte und nach vorne trat. Als er dies tat, nahm er eine Pfeife in den Mund, bließ hinein und ein heller Ton schallte durch das Deck, worauf er schließlich sprach: "Aaaachtung! Offizier an Deck!" Sofort stand die Besatzung stramm und salutierte. Auch der bisherige Kommandant des Schiffes salutierte und sprach in einem sachlichen Tonfall: "Ich gratuliere, Monsieur Capitaine de Corvette" Immernoch verduzt entgegnete Natas zu seinem Freund: "Lass das! Das musst du doch nicht..." Aber als der Kommandant immernoch in salutierender Pose vor ihm stand, gab Natas schließlich auf, salutierte ihm und gab seinen ersten Befehl als Korvettenkapitän: "Weitermachen!" Sofort ging ein Ruck durch die Besatzung als zweihundert Mann die bequeme Haltung einnahmen.
"Ihr wisst alle, dass ich dieses Offizierspatent nur deshalb bekommen habe, weil die königliche Admiralität es vordatiert hat und die Neuigkeiten aus Port-au-Prince zu lange gebraucht haben, um unser Heimatland zu erreichen", begann der frischgebackene Kapitän, "doch mein Entschluss steht fest. Ich werde Annoport erstmals noch nicht verlassen. Ich werde hier so lange verweilen, bis die Leute, die uns das Unrecht agetan haben und uns des Hochverrats bezichtigt haben, einsehen werden, dass das Recht dem Unrecht niemals zu weichen hat! Nun übergebe ich das Kommando über die Réunion bis auf Weiteres meinem ersten Lieutenant de Vassau, Dominique Alphonse Donatien de la Vache. Folgt und gehorcht ihm, so wie ihr es einst für mich getan habt und seid euch gewiss, dass wir solange nicht ruhen werden, ehe wir wieder voller Stolz und mit hochwehender Flagge in den Häfen Le Havres einlaufen können. Denn am Ende siegt immer die Wahrheit und die Gerechtigkeit!" Kaum war er mit seiner Ansprache beendet, als ein Jubelschrei auf Deck hallte und etliche Matrosen voller Freude ihre Mützen in die Luft warfen.
Als sich die Lage einigermaßen wieder beruhigt hatte, klatschte der Lieutenant in die Hände, woraufhin eine schwere Truhe hervorgeschoben wurde. "Das ist alles, was aus Port-au-Prince übrig ist. Behalte es, damit du hier ein neues, angenehmes Leben anfangen kannst. Die Männer waren alle einverstanden, als ich ihnen verriet, dass die Wahrscheinlichkeit, dich wieder a Bord zu bekommen gleich null sei wird", sagte de la Vache mit einem Grinsen im Gesicht. "Ich danke dir mein Freund. Mach's gut und nimm dich in acht vor französischen Linienschiffen!", mit diesen Worten verabschiedete sich Natas du Vall von seinem langjährigem Freund und von seiner Besatzung ehe er wieder über die Gangway zum Anlegesteg schritt. Johann hatte in der Zwischenzeit einen Marktschieber organisieren können, der die schwere metallbeschlagene Holztruhe auf seinen Karren auflud und auf weitere Anweisungen wartete. Natas, Johann und der Marktschieber standen am Pier und sahend winkenderweise zu, wie das mächtige Schiff langsam den Hafen verließ und Richtung Süden davonsegelte.