PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : FanFiction: Kurzgeschichte - ICD-10-CM T68 (Kapitel 1: S 140.30)



ianCarrick
29-01-16, 00:41
Kurzgeschichte - ICD-10-CM T68

https://dl.dropboxusercontent.com/u/197773391/tom_clancy_s_the_division___what_will_it_take____b y_legan666-d6monw9.png

Kapitel 1 - S 140.30

Die Welt lag auf der Seite, als Ian die Augen öffnete und durch lautes Klopfen aus dem unruhigen Schlaf gerissen wurde, der ihn bereits seit mehr als zwei Wochen begleitete. Die Hoffnung, aus einem Traum zu erwachen und sein Leben so zu sehen, wie er es geliebt hatte, war erneut zerstört. 18 Tage. 18 Tage, in denen die Gesellschaft und das Leben um ihn herum allmählich in die Brüche gegangen war. Mit einem gequälten Stöhnen stemmte sich der Endzwanziger von der ledernen Couch ab, setzte sich auf und blickte sich zerknittert in dem großen Apartement um, welches er sein Zuhause nannte. Er hatte versucht, die Ordnung auch innerhalb der eigenen vier Wände aufrecht zu erhalten, aber die Umstände auf der Straße hatten überall ihre Spuren hinterlassen. Das Chaos drang wie Krebs in jede Zelle seines Lebens ein. Unaufhaltsam. Die tief stehende Sonne des jungen Tages drang in sichtbaren Strahlen durch die Lücken in den Brettern, die er vor die Fenster genagelt hatte. Kleine Staubpartikel wirbelten im Licht durch die Luft, als spielten sie miteinander. Am anderen Ende des Raumes erklangen die bekannten Töne des Fernsehers, der zum gefühlt hundertsten Mal die alte Kasette des ein und selben Kinderfilms abspielte.
Sich langsam an den Wachzustand gewöhnend, galt Ians erster Griff der Flasche Wasser auf dem flachen Couchtisch vor sich und ein Schluck des abgestandenen Getränks floss seine Kehle hinunter. Erneut erklang das laute Klopfen von der Eingangstür und rief in ihm einen Kopfschmerz hervor. Müde striff er sich durch die kurzen, schwarzen Haare.
"Das ist doch scheiße", sprach eine junge Stimme aus Richtung des Fernsehers und Ian warf seiner Tochter einen matten Blick zu. Die Heizung war bereits seit Tagen ausgefallen, weshalb das Kind in mehrere Decken, Jacken und Mützen gehüllt, auf einem Sitzsack vor dem Fernseher ruhte.
"Ich komme ja", rief Ian zur Tür und machte einige Schritte durch den Raum, wobei er Jenny einen unverständlichen Blick zuwarf. "Wie alt bist du?", fragte er herausfordernd.
"Acht, bald Neun. Und alt genug, um zu wissen, dass es so nicht weitergehen kann", antwortete die Kleine gewieft, ohne von der Mattscheibe aufzublicken. Der Kinderfilm zeigte eine kleine Maus, die eine große Reise nach Amerika antrat. Es gibt keine Katzen in Amerika? Es gab hier noch viel schlimmeres.
"Und zu jung, für solche Worte. Einen Dollar in die Kasse!", schloss Ian seine Belehrung ab. Die Kasse war ein Relikt aus den alten Tagen. Den Tagen, an denen Geld noch etwas bedeutete. Heute war nicht mehr davon geblieben, als ein Schulterzucken bei Jenny und einer Geste, mit der sie eingebildetes Geld in eine eingebildete Kasse warf. "Ist gut. Du schuldest mir ohnehin noch Acht"
Kurz bevor es ein drittes Mal an der Tür hämmerte, hatte Ian die Klinke in der Hand und öffnete, um in das überraschte Gesicht von Melson zu blicken, der die Hand herunternahm und kurz an Ian in dessen Appartment vorbeischaute.
"Morgen Carrick. Wollte nur bescheit geben, dass der Generator bald den Saft verliert. Wir brauchen wieder etwas Benzin und ich will gleich zur Sammelstelle, um neues zu besorgen. Falls du...", der Afroamerikaner mit den langen Dreadlocks brachte den Satz nicht zuende und schaute nur fragend in das Gesicht seines Gegenübers.
"Klar. Ich komme mit. Ich muss auch Besorgungen machen. Ich bin gleich unten". Ian schloss die Tür wieder. Mel war ein guter Nachbar, der bis vor Ausbruch der Seuche als Koch in einem Restaurant im Stadtteil NoMad gearbeitet hatte und sich nun für den Erhalt der Lebensbedinungen im Haus einsetzte. Ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck, auf den die Hausgemeinschaft keinesfalls verzichten konnte.
"Jenny, ich muss raus und neue Vorräte besorgen. Wasser und Essen gehen uns aus. Hast du noch Wünsche?", versuchte Ian schließlich die Aufmerksamkeit seiner Tochter wieder zu erlangen, die sich jedoch unnahbar gab. Erst das Ausschalten des Fernsehers am Knopf neben der Mattscheibe, ließ das Kind in das Gesicht ihres Vaters blicken. Der hatte schon lange aufgegeben, seine Tochter zu verstehen und doch hatte er eine kleine Ahnung. Er konnte sich vorstellen, wie schwer das alles für sie war. Ihre Freunde nicht mehr zu sehen, nicht mehr in die Schule zu gehen, nicht hinausgehen zu können. "Hör zu, Schatz. Ich versuche mein Bestes, ja? Ich muss los, damit ich Essen und Trinken holen kann. Du musst mir zuhören, ok? Du gehst zu Kaia rüber, sie wird sich um dich kümmern, bis ich wieder da bin. Heute Abend bin ich schon wieder zurück. Ich kläre alles mit ihr. Kann ich mich auf dich verlassen?"
Nur einen kleinen Moment konnte Jenny ihren Trotz noch aufrecht erhalten und nickte dann schließlich doch verstehend, während sie mit ihren Fäustlingen die dunklen Haare hinter die Ohren schob. "Wenn du Schokolade findest, bring mir was mit. Und ein Pferd", benannte sie ihren Wünsch und umarmte Ian, der lachen musste.
"Wie sehr ich dich zur Bescheidenheit erzogen habe, rührt mich immer wieder".
Der Sachverhalt mit Kaia war schnell geklärt. Die ältere Dame lebte mit ihrem kranken Mann auf der anderen Seite des Flures und verstand sich gut mit Jenny. Ian wusste seine Tochter hier stets in guten Händen, wenn er für einige Stunden auf die Suche nach Vorräten ging oder sich einen Überblick über die Situation in Manhatten und spezieller in NoMad machte. NoMad stand für einen kleinen Stadtteil Manhattens und beschrieb jenes Gebiet nördlich des Madison Square Park, wo etliche gute Restaurants und Bars angesiedelt waren. Aber auch dies war Geschichte. Ian hasste jeden Schritt, den er die alten Holzstufen hinab auf die Straße machte und er hasste vor allem den Moment, wenn er die schwere Eingangstür öffnete und sich in diese kalte, verschneite Welt begab. Einen kurzen Moment ließ er die Erscheinung der 26th Street auf sich wirken, bevor er die wärmende Wollmütze tiefer in die Stirn zog und die Kapuze des Pullovers aufschlug. Es waren nur vereinzelt Menschen auf der Straße zu sehen, während er sich mit Melson in östliche Richtung bewegte, um zur Verteilerstelle beim East River zu kommen. Die Stelle wurde von der ehemaligen Armenspeisung geführt und war aktuell der einzige Ort im Umkreis, an dem es noch Versorgungsgüter gab. Von Tag zu Tag konnten sich die Umstände an der Stelle drastisch verändert haben. Von totalem Chaos und vollen Regalen bin hin zu gähnender Leere oder sogar geschlossenen Toren.
Als Mel und Ian mit zügigen Schritten die verschneiten Straßen bis zur Sammelstelle überbrückt hatten, war immerhin die Gewissheit da, dass die schweren Rolläden der ehemaligen Armenspeisung nicht verriegelt waren. Eine kleine Schlange von 20 Menschen hatte sich hier auf dem Bordstein an den Eingangsbereich gereiht und es war an den beiden Männern, sich ebenfalls anzustellen.
"Kann ich euch irgendwie helfen?" durchbrach Melson die fröstelnde, angespannte Stille in der Reihe schließlich und fing Ians Blick ein. Dieser rieb sich die Hände, formte sie zu einem Kelch und atmete warme Luft in diesen, um die Fingerkuppen aufzuwärmen.
"Ich danke dir. Wir kommen klar. Mit Marie wäre alles einfacher, du weißt ja. Aber wir kommen klar", antwortete Ian und klopfte seinem Nachbarn auf die Schulter, dessen Angebot er schätzte. Marie war vor drei Jahren aus der Welt gegangen und hatte ihn mit Jenny alleine zurückgelassen. Es war eine verdammt harte Zeit für ihn gewesen, aber irgendwie war er fast froh, dass seine Liebe die Welt nicht kennen lernen musste, wie sie heute ist. Fast ein Segen.
"Wenn du etwas Schokolade findest, sag bescheid", ergänzte er schließlich und dann hatte sich die Schlange vor ihnen auch schon aufgelöst und sie konnten die Verteilerstelle betreten. Die alte Speisung bestand aus einem großen Raum, gefüllt mit allerlei Regalen und Körben. Nur vereinzelnde Artikel lagen hier noch aus, meist Kleidung aus zweiter Hand, Konservendosen oder Flaschen mit abgefülltem Wasser. Gemeinsam mit etwa zehn anderen Besuchern, durchstreiften Mel und Ian schließlich die Gänge. Ersterer fand schnell Gefallen an einem handlichen Rucksack und hielt nach nur wenigen Minuten sogar triumphierend einen Riegel mit Schokolade empor. Jenny würde sich freuen. Ian selbst füllte seine Tasche mit einigen Konserven und Wasserflaschen auf, blieb selbst dann aber schließlich an der Kleidersammlung stehen und kontrollierte den Zustand einer alten Feuerwehrjacke, die dort inmitten von Socken, Jeans und Schuhen lag. Kurz streifte er sie über und warf Mel einen fragenden Blick zu, der nur mit den Augen rollte und es abnickte. Die Jacke erinnerte Ian an sein Leben vor dem Tod seiner Frau, aber diese Gedanken wischte er schnell beiseite.
"Was hast du vor? Willst du...", Mel wurde von einem lauten Knall unterbrochen, dessen Schall sich durch die Straßen hin zur Verteilerstelle bewegte. Alle Anwesenden im Sammelraum hoben den Kopf und ein Moment der abwartenden Stille breitete sich aus. Ein einzelner Schuss vermochte sich in diesen Zeiten immer einmal zu lösen, aber dabei sollte es nicht bleiben. Panische Rufe und Schreie folgten dem Schuss und dies war das Zeichen aufzubrechen. Die Stunden seiner Ausbildung am Schießstand hatten Ian ein gutes Gefühl dafür gegeben, von wo das Geräuch eines Schuss genau kam und er schätze die Entfernung auf keine 200 Meter, wobei die Häuserschluchten die Identifizierung zusätzlich erschwerten.
"Wir müssen los, Mel! Macht die Stelle zu und schließt die Tore", bellte Ian in den Raum und eilte in Richtung des Ausganges. Die Menschen aus der Schlange vor der Tür mussten bereits die Beine in die Hand genommen haben und als er auf die Schwelle der Armenspeisung trat, um nach draußen zu spähen, erkannte er bereits zwei tote Menschen aus der Schlange auf dem Boden in ihrem eigenen Blut liegen. Der Einschlag eines Projektils am Türrahmen über seinem Kopf war Warnung genug und er wich wieder in das Innere der Halle zurück.
"Verdammt, zu spät", kommentierte Ian nur und erkannte in Mels Blick bereits Panik aufkommen. Neben ihm und Mel sahen acht andere Besucher erschüttert und verängstigt in seine Richtung. Ein älterer Mann nahm sich ein Herz und trat vor, um gemeinsam mit ihm die schweren Rolltüren herunterzuziehen. Dann wurde es dunkel. Stimmen von draußen waren zu vernehmen, aber nicht genau, was gesprochen wurde. Mel brachte eine Taschenlampe zum leuchten und tauchte den Raum damit in ein gespenstisches Licht.
"Kommt rüber. Weg von der Tür", rat Iam und sammelte die Menschen um sich. Ein Griff in seinen Rucksack versicherte ihm, dass seine Waffe darin war. Die Colt 1911 gab ihm ein kleines Gefühl der Sicherheit, als er sie hervorholte.
"Wir sind eingeschlossen. Hinten höre ich auch Stimmen. Vielleicht drei", berichtete einer der Mitgefangenen und schüttelte nur mit dem Kopf. "Sind das Plünderer? Wir können ihnen doch alles überlassen"
"Vergiss das. Ich hab gehört, dass einige Gruppen hier alles auseinandernehmen. Die nehmen dir neben deiner Kleidung auch noch das Leben", erwiederte eine Mutter mit Kind.
Immer hitziger werdende Worte wurden getauscht, geboren aus Hilflosigkeit und Angst. Mel hatte bereits mit einem Stirnrunzeln beobachtet, wie Ian die Waffe aus dem Rucksack zog. Etwas, das er ihm offenbar nicht zugetraut hatte.
"Ian, was meinst du? Hast du eine Idee?", stellte dieser schließlich in die Runde und erneut wendeten sich die Blicke zu ihm.
Du hast Verantwortung zu übernehmen, sagte sich Ian und atmete tief durch, als der laute Schuss einer Schrotflinte durch das frisch heruntergelassene Rolltor drang. Er wendete den Blick nach oben, als wolle er einen Moment um die Hilfe von Gott bitten, da erkannte er ein schmales Lüftungsfenster an der hohen Decke des Raumes. Ein Anfang. Dann entwickelte sich eine Idee, auch aus der Not geboren, dass die Plünderer in kurzer Zeit den Raum stürmen würden.
"Gut, gut. Hört zu. Schiebt die Regale zusammen. Ich komme dort oben raus und sorge dafür, dass der Hintereingang frei wird. Sobald ihr mich rufen hört, kommt ihr raus und lauft so schnell ihr könnt in Richtung Norden in Sicherheit"
Nicht jeder der Anwesenden würde es schaffen, dort oben aus dem Fenster zu klettern. Abgesehen von Mel und ihm waren unter den anderen Besuchern vor allem Alte, eine Mutter mit Kind und ein stark übergewichtiger Mann. Und eine Schießerei vom Dach aus war für die meisten zu gefährlich.
Während die ersten Regale hin und hergezogen wurden, machte sich Ian für die Kletterpartie bereit. Mel blickte skeptisch zwischen ihm und dem Fenster im Dach hin und her.
"Man, bist du dir sicher, dass du dort hoch kommst?"
"Mach dir mehr um die da draußen Sorgen, als um mich, Mel". Dies schien Argument genug zu sein, um jede weitere Diskussion im Keim zu ersticken und so setzte Ian den ersten Fuß auf das wacklige Metallregal. Fach für Fach arbeitete er sich in die Höhe, Stück für Stück näher an das Fenster heran. Von der letzten Ebene des Regals aus, würde er sich ein ganzes Stück bis unter die Decke strecken müssen, um den Rahmen zu greifen. Er musste alle Konzentration aufbringen und die immer panischer werdenden Stimmen unter sich ignorieren, um mit einem beherzten Griff den Fensterrahmen zu ergreifen und mit der freien Hand den Verschluss zu öffnen. Die kalte Luft der New Yorker Straßen drang direkt in das Innere. Mit einem letzten Kraftakt zog sich Ian durch das Fenster auf das Dach der Armenspeisung. Erschöpft robbte er sich auf das Flachdach, die rechte Hälfte des Gesichts in die Schneeschicht getaucht. Er durfte sich aber keine Pause erlauben. Er musste den Hintereingang freimachen. Von der Vorderseite des Gebäudes waren nun viel klarer die lauten Rufe der Plünderer zu vernehmen. Agressive Töne. In geduckter Haltung schlich Ian zur Hinterseite des Hauses und ging vor einer Mauer in Deckung, die den Blick nach unten verdeckte. Auch hier vernahm er die angekündigten Stimmen. Kurz nur streckte er seinen Kopf hinter der Mauer hervor, um nach unten vor den Eingang zu blicken und erkannte tatsächlich drei Männer. Sie trugen gemischte, vermutlich geplünderte Kleidung. Einer von ihnen hatte einen Baseballschläger in der Hand und schwang ihn provozierend, während die anderen beiden mit Schusswaffen ausgerüstet waren. Eine Pistole und ein Sturmgewehr. Er würde sie überraschen können, ohne Zweifel. Ein letzter Blick auf die Waffe in seiner Hand, dann schob er seinen ganzen Oberkörper über die Deckung und legte die Waffe auf den Bereich vor die Eingangstür an. Die Plünderer sahen nicht kommen, was nun geschah. Ians Feuereröffnung traf den ersten Plünderer zuerst in den Oberarm und anschließend in die Brust, sodass dieser die Pistole fallen ließ und direkt zu Boden ging. Der zweiten Schützen mit dem Sturmgewehr war leider durch den Mann mit dem Baseballschläger verdeckt und so galt Ians dritter und vierter Schuss eben diesem, bevor er sich wieder in Deckung zurückzog. Eine gute Entscheidung, denn die hochfrequenten Einschläge des Gewehres drangen laut krachend in die Backsteinmauer vor ihm ein. Teile der Mauer flogen durch die Luft und prasselten auf ihn nieder. Ian zwang sich dazu, die Kugeln mitzuzählen, um einen Eindruck zu erhalten, wann der Schütze nachladen würde. Es kam ihm wie eine unendlich lange Zeit vor, bis das erwartete Klicken des Magazinabwurfs zu vernehmen war und er sich wieder aus der Deckung wagte. Sein erwartetes Ziel, der Gewehrschütze, lud wirklich unbedacht nach und fing sich dafür einen Schuss in den Kopf ein, doch Ian hatte nicht damit gerechnet, dass sein erstes Opfer den Angriff irgendwie überlebt haben könnte. Der Pistolenschütze hatte im Liegen die Waffe erhoben und ein ungezielter Schuss streifte Ians linken Arm schmerzhaft. Die neue, alte Jacke des New York Fire Department hatte seinen ersten Riss erhalten und wurde vom Blut getränkt. Der Verletzte spührte den Schmerz aber nicht. Zu viel Adrenalin. Mit einem letzten Schuss brachte er den restlichen Wiederstand zum erliegen.
"Es ist frei! SCHNELL!" schrie er laut und nur einen kurzen Augenblick später öffnete sich die Tür. Mel kam in Begleitung der anderen hinaus, stockte kurz aufgrund der Toten, winkte aber alle hinaus in die Freiheit und trieb die Menschen dazu an, so schnell es ging zu rennen. Mel selbst wechselte noch einen kurzen Blick mit Ian. Er stellte keine Fragen, nur ein Nicken. Er wusste, dass Ian noch etwas anderes erledigen musste, denn die Plünderer vor der Armenspeisung hatten den Schusswechsel ohne Frage mitbekommen. Würde man sie nicht abhalten, Mel und den anderen zu folgen, würde man die Gruppe schnell einholen. Einen Moment später waren sie verschwunden und Ian war alleine mit dem Schmerz in der Schulter. Angestrengt zog er die Wollmütze vom Kopf und warf sie auf das Dach. Die frische Luft fühlte sich gut auf seiner nassen Stirn an.
"Bringen wir es mal zu Ende", motivierte sich Ian selbst und stemmte sich hoch. Er musste die Aufmerksamkeit der Plünderer weiter auf sich lenken und sie am besten in eine andere Richtung locken. Mit schnellen Schritten lief er zur Nottreppe und tauchte in eine Seitenstraße der Armenspeisung ein, die zum Parkplatz im Hinterhof führte. Etliche eingeschneite Wagen standen hier in Reihe und Glied. Entweder ausgeraubt, kaputt oder verlassen.
"Etwas Glück, ich brauche nur etwas Glück", sprach sich Ian selbst Mut zu, während er Wagen für Wagen abklapperte und den Schnee an den Fensterscheiben fortwischte. Nur ein wenig Benzin würde ihm reichen, um ein oder zwei Blocks zu fahren und die Plünderer mit sich zu ziehen. Dann würde er den Weg zurück nach NoMad laufen und sie abhängen. So der Plan.
Fortuna hatte ihr Auge auf ihn geworfen, denn nach nur fünf Versuchen, fand er offenbar ein unversehrtes Auto. Die Scheibe ging mit vier Schlägen der Waffe im unteren Eck mehr oder minder Laut zu Bruch. Aber diese Aufmerksamkeit war ihm ja nicht unrecht. Mit einem schnellen Griff öffnete er die Verriegelung und stieg ein, um sich am Sicherungsbereich des Wagens zu vergehen und den Stromkreis zu überbrücken.
"Verdammte Scheiße. Alles absuchen! Ich will wissen, wer das war!", rief jemand mit rssischem Akzent aus Richtung der Sammelstelle. Die Plünderer kamen immer näher, er musste sich beeilen. Mit zittrigen Fingern arbeitete er Kabel für Kabel ab.
"Komm schon, komm schon. Nur etwas Strom. Nur etwas Benzin". Menschliche Schatten waren außerhalb des Wagens zu erkennen und die Angst legte sich wie würgende Hände um seinen Hals. Dann erklang das vertraute Geräuch des blubbernden Motors und sein fahrbarer Untersatz sprang an. Ohne zu zögern, schob er den Rückwärtsgang ein und das Auto setzte mit quitschenden Reifen zurück. Etwas wurde dabei von ihm aufgebockt und rollte über das Dach hinweg. Er war sich nicht sicher, ob Mülleimer oder Mensch. Es machte auch keinen Unterschied. Die Scheibenwicher sorgten für Klarheit vor ihm und er konnte die Seitengasse erkennen, die seinen Ausweg bedeuteten. Er schaltete auf Automatik und drückte das Pedal durch. Noch bevor er die Seitengasse wirklich erreichte, fegten schon die ersten Kugeln an ihm vorbei, schlugen in das Heck des Wagens ein, verfehlten ihn selbst allerdings. Er war sich gar nicht sicher, ob er es die zwei Blocks bis zum East River schaffen würde oder ob Barrikaden seinen Weg stören würden. Er war aber gewillt so weit wie möglich zu kommen. Die Aufmerksamkeit der Plünderer war ihm absolut gewiss und erst, als der Wagen aus der Seitenstraße auf die große Verkehrsstraße einbog, konnte er das Ausmaß der Situation erkennen. Insgesamt musste es sich um sicherlich an die 20 Männer und Frauen handeln, die die Versorgungsstelle belagerten und nun ihr Feuer auf ihn konzentrierten. Weitere Kugeln flogen ihm um die Ohren. Irgendwie schaffte er es, den Wagen durch die Lücken im Stau und die verschneiten Absperrungen zu lenken. Zwei Blocks waren sein Ziel und zwei Blocks hatte er auch erreicht, als der Wagen allmählich den Geist aufgab und kurz vor dem East River zum Stehen kam. Ian nahm sich einen Moment und atmete durch, lehnte den Kopf zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass Feuchtigkeit in seine Jacke eingedrungen war. Als er an sich hunterblickte, bemerkte er den großen roten Fleck an seiner linken Seite.
"Mist", kommentierte er nüchtern und öffnete die Wagentür. Schlagartig spührte er diese Schwere auf seinen Knochen. Er fiel förmlich aus dem Wagen heraus und stöhnte auf. Nur mühsam kam er auf die Beine und lehnte sich auf die Motorhaube des Wagens. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er offenbar ein Taxi ausgewählt hatte, um sein Ablenkungsmanöver zu planen. Der Blick über den East River war schön wie nie. Der Fluss war leicht eingeeist und lag inmitten der schneebedeckten Stadt. Der Winter hatte New York im Griff. Ebenso das Chaos. Der Winter würde nich auf ewig bleiben, dessen war er sich bewusst. Als es ihm nach dem Tod von Marie sehr schlecht ging, hatte ein guter Freund ihm erklärt, dass das Leben wie die Jahreszeiten sei. Die kalte Zeit würde auch vorbei gehen und dem Frühling weichen. Die Nacht war kurz vor dem Sonnenaufgang am dunkelsten. Ian wünschte sich, dass Jenny diesen Aufgang erleben würde. Ein erneuter Blick auf die blutnasse Wunde sagte ihm, dass er nicht mehr fortlaufen konnte. Die Stimmen der Plünderer, die zu Fuß die Verfolgung aufgenommen haben mussten, kamen auch immer näher und warfen skurile Geräuche durch die hohen Häuserschluchten. Mit den letzten Kräften bewegte sich Ian zum Fluss hinunter und ließ sich an einem Pier nieder, ließ die Beine hinterunter baumeln. So verharrte er, die Waffe in der Hand, auf die Plünderer, deren Schritte näher und näher kamen.
"Sieh an. Nachdem du fünf meiner Männer getötet hast, wartest du hier auf mich?" fragte ein hochgewachsener Mann mit russischem Akzent. Es handelte sich offenbar um den Anführer der Plünderer. Ians Lieder waren schon so schwer, dass er Probleme hatte, dem Mann zuzuhören. Eine Blutlache hatte sich um ihn am Pier gesammelt. Als der Russe näher kam, wollte Ian seine Pistole heben und ihn erschießen, doch sein Arm versagte ihm den Dienst und die Waffe fiel neben ihn auf den Boden.
"Der ist kaputt", stellte einer der Plünderer fest. "Schieb ihm ne Kugel in den Kopf und wir ziehen ab", lag die Forderung in der Luft, doch der Anführer der Gruppe schüttelte nur mit dem Kopf.
"Vergiss es. Die Kugel hat er nicht verdient. Nimm die Waffe mit und sammel seine Tasche auf. Wir sind hier durch".
Man bediente sich an Ians Ausrüstung und das letzte, was der New Yorker bemerkte, war eine Schuhsohle auf seinem Rücken. Gegen den Tritt vermochte er sich nicht mehr zu wehren und sein Körper fiel vorneüber in den East River, wo das kalte Nass ihn umfing. Er brach dabei durch eine leichte Eisschicht.

Die Kälte war Frieden. Die Kälte war Erlösung. Die Kälte war das Ende.

PunkteStibitzer
29-01-16, 23:16
hallo :)

ich hoffe ich darf hier schreiben :o

ich bin jetzt kein experte auf dem gebiet, lese aber doch ab und zu gerne diese geschichten :) es hat mir auf jeden fall gut gefallen und war schön zu lesen, weiter so :)

ianCarrick
30-01-16, 09:02
Danke @PunkteStubitzer. Freut mich, das es dir gefallen hat :-)

LuziferC12
05-03-16, 01:40
Einiges zu lesen aber, gut geschrieben, weiter so.

Avo_Predator
05-03-16, 23:57
Gut geschrieben. Ist der Titel "Kurzgeschichte - ICD-10-CM T68 (Kapitel 1: S 140.30)" nur so gewählt oder gibt es da noch mehr?

VitalyChernoby
27-01-17, 17:44
kein Happy End...